»Was sehen wir, wenn wir in den Himmel schauen« von Alexandre Koberidze

Natürlich ist es kein Zufall, dass dieser Film mit den Bildern von Kindern beginnt, die vor einem Schulgebäude miteinander reden, den Schulhof verlassen und von ihren Eltern abgeholt werden. Kinder sind, wenn sie noch nicht das Pech hatten, dass ihnen das Leben vermiest wurde, offen für neue Erfahrungen und für eine phantasievolle Sicht der Welt. Und genau das verlangt der in Berlin lebende Georgier Alexandre Koberidze auch von seinem Publikum.

»Was sehen wir, wenn wir in den Himmel schauen?«, sein zweiter Spielfilm, kommt mit dem Preis der Internationalen Filmkritik (FIPRESCI), den er 2021 im Wettbewerb der Berlinale erhalten hat, in unsere Kinos.
Die Handlung entwickelt sich langsam. Wir sehen Bilder aus der georgischen Stadt Kutaissi, und ein Erzähler bietet in einem poetischen Text Erläuterungen an. Die langen Einstellungen verlangen Geduld beim Zuschauen, denn wir sind Schnelleres, Zielstrebigeres gewöhnt – vor allem im Multiplex-Kino.
Hier ist also der verwunderte Blick gefragt. Wir sehen Ansichten von einem Ort, an dem die allermeisten von uns noch nie waren. Und nie sein werden, aktuell schon gar nicht. Es ist also wie in den frühen Tagen des Kinos, als die Menschen staunten, was sie mithilfe eines technischen Apparates sehen konnten.
Der gesenkte Kamerablick auf Hosenbeine und Schuhe wie in den späten Filmen von Robert Bresson leitet die Liebesgeschichte ein. Im Gegensatz zu dem pessimistischen Franzosen herrscht allerdings bei Koberidze eine optimistische Weltsicht vor. Hinter den alltäglichen Erscheinungen liegt eine magische Welt, in der Hunde nicht einfach nur so herumlaufen, sondern auf dem Weg zu einem Biergarten sind, um sich dort ein Fußballspiel anzuschauen. Mit feiner Ironie gewinnt Koberidze sein Publikum.
Ein Mann und eine Frau stoßen zusammen, ein Buch fällt zu Boden. Es wird aufgehoben, man geht auseinander, wendet, begegnet sich wieder, und erneut fällt das Buch herunter. Die Gesichter sind nicht zu sehen. Der Kommentar behauptet, die beiden hätten sich ineinander verliebt. Wenn sie sich trennen, ohne einander ihren Namen zu nennen, werden sie sich nicht wiedererkennen, denn ein Fluch lastet auf ihnen.
Natürlich muss dieser Fluch aufgehoben werden, denn ein Liebesfilm sollte »Was sehen wir, wenn wir in den Himmel schauen?« dann doch sein. Ein Filmteam, das einen Dokumentarfilm über Paare drehen will und auch trotz Widrigkeiten dreht, bringt Lisa und Giorgi zusammen –als ein Paar, das zusammenpasst.
Giorgi lässt sogar das Endspiel der Fußball-WM sausen, um Lisa zu begleiten. Und Fußball ist Koberidzes große Leidenschaft neben dem Kino und ganz offensichtlich der Liebe zu seiner Heimat. Da läuft die WM von 1978, die Argentinien mit 3:1 gewonnen hat, im Fernsehen, und der Argentinien-Fan pinnt ein Messi-Trikot an die Wand.
Egal, Fußball ist ein tolles Spiel. So eindrucksvoll wie selten sieht man das an den in Zeitlupe spielenden Kindern am Ende des ersten Teils, so ziemlich in der Mitte des zweieinhalbstündigen Films. In ihren Gesichtern spiegelt sich die Faszination. Und am Ende dieser Sequenz kennen wir auch die Antwort auf die Frage des Titels: Wir sehen einen Ball.

Claus Wecker (Foto: Grandfilm)

WAS SEHEN WIR, WENN WIR ZUM HIMMEL SCHAUEN?
(Ras vkhedavt, rodesac cas vukurebt?)
von Alexandre Koberidze, D/GE 2021, 150 Min., mit Giorgi Bochorishvili, Ani Karseladze, Oliko Barbakadze, Giorgi Ambroladze, Vakhtang Fanchulidze, Irina Chelidze
Drama / Start: 07.04.2022

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