Für »Worscht mit Weck oder Brot?« hat Rainer Weiss sich ihre Geschichte erzählen lassen
Immer noch wird an ihrem Stand aufs Gramm genau abgewogen. Längst könnte sie einen Festpreis verlangen, Promi-Aufschlag dazu. Sagen wir: sechs Euro, siebenfünfzig mit Gurke. Aber nein, bei ihr zahlt man bucklige Beträge, eben ganz altmodisches ehrliches Handwerk. Und jede Kundin und jeder Kunde wird gefragt: »Mit Weck oder Brot?« Zur Auswahl stehen Gelb-, Fleisch-, Rindswurst oder Krakauer, ein paar Zutaten darin sind und bleiben geheim – die beste Fleischwurst weit und breit. Ilse Schreibers Stand in der Frankfurter Kleinmarkthalle ist eine Institution. Ein Stück Heimat. Ein Stück Ehrlichkeit. Und Herz.
Helmut Kohl, der als Student auf den Geschmack kam, ließ es sich auch Bundeskanzler nicht nehmen, bei seinen Frankfurt-Besuchen samt Personenschützern in die Kleinmarkthalle zu rauschen und »bei der Frau Schreiber« eine Worscht zu schnabulieren. Die Feuerwehr in Sossenheim hat zu Ilse Schreibers 80. Geburtstag einen Kran auf den Namen Ilse getauft. Seit 1974, als die Metzgerei ihres Mannes Hans in der Falkstraße in Bockenheim schloss, steht sie wochentags hinter ihrer kleinen Theke. Das heißt vor 5 Uhr auf den Beinen sein. Mittlerweile ist man als Stammgast ja froh, in ihrem kleinen Kabuff einen Stuhl zu sehen. Manchmal sitzt die 86-jährige sogar tatsächlich darauf, wenn auch nur kurz. Schnell heißt es dann wieder: »Mit Weck oder Brot?«
Der Publizist, Lektor und Verleger Rainer Weiss, einst Programmgeschäftsführer bei Suhrkamp, hat sich jetzt von Ilse Schreiber ihre Lebensgeschichte erzählen lassen. Das liest sich leicht und klug und herzerwärmend, man muss dafür gar nicht unbedingt Fleischwurst mögen. Wer es aber tut, beißt in dieses kleine, feine Buch mit zusätzlichem Vergnügen. Es ist ein Muss für Frankfurter-Liebhaber.
