»Die Sonne in Schwarzweiß«: Max Pechstein im Museum Wiesbaden

Die Sonne von Max Pechstein ist nicht unbedingt gülden, sie hängt auch nicht unbedingt am Himmel, sie kann sehr wohl auch in den Speichen eines Windrades sitzen oder in einem Leuchtturm oder aussehen, als ob sie aufginge, dabei geht sie gerade unter. Sie kann zweimal oder noch häufiger in einem Bild auftauchen und auch eine Bombe sein. Oder wie ein spirituelles Auge auf eine Landschaft blicken. Sie kann einen See durchfluten und Fischern Fischgründe aufzeigen. Auf alle Fälle symbolisiert sie eines: Halt, und sie ist das verbindende Glied in der Pechstein‘schen Triade von Kunst Leben Natur.
So zwiespältig es auch sein mag: wie hat man sich das Leben eines Künstlers vorzustellen, der Zeuge zweier Weltkriege wurde, aber auch Repräsentant von neuem Denken, von politischen Aufbrüchen, die sich auch in der Kunst manifestierten, Zeuge wurde von umstürzlerischen Hoffnungen? Die brutalst enttäuscht wurden, in Denk- und Berufsverboten mündeten, und das war noch das Harmloseste.
Gehen wir auf die Suche nach der Sonne. Wie spannend es ist, im Werk von Max Pechstein (1881–1955), einem der berühmtesten Maler des Expressionismus, Mitbegründer der »Brücke«, diesen Sonnen-Spuren zu folgen und in ihnen zu lesen, zeigt augenblicklich die wunderbare Ausstellung »Die Sonne in Schwarzweiß« im Museum Wiesbaden. Bislang wenig beachtet, bildet sie nun das Rückgrat dieser Präsentation, und sie ist allgegenwärtig in jedem Medium, in dem er sich künstlerisch aufhielt.
Neben seinem malerischen Oeuvre war Max Pechstein intensiv in der Druckgrafik unterwegs, und sie wird in dieser Schau gleichberechtigt präsentiert. Dies ist der zweite Pfad, der die mit 160 Werken umfangreich aufstellte Retrospektive durchzieht.
In der eröffnenden Rotunde gleich ein ganz besonderer Höhepunkt: Das 1909 entstandene Gemälde »Selbstbildnis, liegend«, das den Künstler im Gras einer Farbpalette zeigt, wird zum ersten Mal nach 30 Jahren öffentlich zugänglich gemacht. Neun Druckgrafiken aus der Sammlung Böttcher aus dem Jahr 1948 bilden dann quasi die künstlerische Einleitung und den Umriss der thematischen Schwerpunkte, aber auch ein Resümee seines Werks.
Den Beginn macht: Die Sonne, in diesem Fall gleich als gleißender Blickfang gehängt. Viele weitere Darstellungen aus dem Bereich der Druckgrafik – Kaltnadelradierung, Lithografie, Holzschnitt – begleiten die Gemälde, und eine Zeichnung verbürgt in diesem ersten Saal die inhaltliche und gedankliche Verwandtschaft mit Vincent van Gogh: »Golberoda« vom 1907. Zu diesem Zeitpunkt muss Pechstein bereits die große van Gogh Ausstellung in Dresden gesehen haben, die den niederländischen Maler auf der europäischen Bühne etablierte. Es gibt noch weitere Verknüpfungen, die Farbwahl beispielsweise, das Motiv der einfachen Leute, die Sonnenblumen. Inspiriert haben ihn auch Paul Cézanne und Henri Matisse; Max Pechstein bewegte sich im Kanon der Moderne.
Wie in jedem einzelnen der Säle, die thematisch, nicht chronologisch geordnet sind, gibt es dieses gleichberechtigte Nebeneinander von starkfarbigen Gemälden und expressiver Druckgrafik, deren Häufigkeit sich auch damit erklären lässt, dass andere Käuferschichten erschlossen und die eigene Bekanntheit durch größere Verbreitungskreise durchgesetzt werden konnten, aber keinesfalls ausschließlich: Gerade bei den Porträts der Fischer, die in zwei Serien vorgestellt werden, einmal aus dem Jahr 1911, einmal von 1921, lässt sich eine größere und leidenschaftlichere Ausdruckskraft kaum vorstellen. Nahezu plastisch, fast wie Skulpturen, wirken die Porträts – und ganz wichtig – niemals geht Pechstein anders als empathisch an den Menschen heran. Nicht bei seinen an Odalisken gemahnenden Tänzerinnen, nicht bei den Szenen des Ballets Russes, nicht bei seinen weiblichen Akten, nicht bei seinen Soldaten.
Der erste Weltkrieg beendete abrupt sein eigenes Weltfluchtprogramm – auch er wollte gemeinsam mit seiner Frau das Südseeparadies erkunden, wie es gerade en vogue war, doch nach nur wenigen Monaten Aufenthalt auf Palau brach der Krieg aus, Pechstein ging an die Front. In einer Reihe berührender Lithografien verarbeitete er diese Erfahrungen. Die Sonne taucht plötzlich mehrfach auf, sie weist nicht mehr den Weg, sie irritiert, die Welt ist aus den Fugen. Fast gleichzeitig mit diesen Arbeiten ist ein wunderbares Gemälde entstanden, welches dem Museum vor kurzem geschenkt wurde, »Grünes Stillleben« aus dem Jahr 1917. Irritierend dazu sein »Stillleben in Gelb mit Pfirsichen« von 1946, in dem er seine eigene Totenmaske in den Mittelpunkt stellt.
Und dann schließt sich der Kreis: Die »Sonne« beherrscht auch seine 1921 entstandenen Lithografien der »Vater Unser-Mappe«, die zwei Serien mit jeweils zwölf Blättern enthält, in denen er Schrift mit Erzählerischem kombiniert. Die einen im strengen Schwarzweiß gehalten, die anderen koloriert. Ein starker Abgang. Eine starke Ausstellung.

Susanne Asal / Foto: Aufgehende Sonne, 1933,
Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, Saarbrücken,
Saarlandmuseum – Moderne Galerie,
© 2024 Pechstein – Hamburg ⁄ Berlin
Bis 30. Juni: Di., Mi., Fr., Sa., So., 10–17 Uhr; Do.,10–21 Uhr
www.museum-wiesbaden.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert