Ein kurdisches Lebensarchiv – Shallow Lakes: Die Künstlerin Melike Kara in der Rotunde der Schirn

Fotos, zu einem wandbedeckenden Fries komponiert, wie durch einen dichten Nebel nur zu erahnen. Zarte, wie verwischte Spuren. Fragmente, Symbole, geborgen aus den Untiefen eines Shallow Lake, eines seichten Gewässers? Denn so wirkt es: Fotos, die von dem Grund eines Teiches durch Schichten von zartgrauem Wasser zum Betrachter emporschimmern. Sie sind nicht verloren, sie sind da. Aber die Deutlichkeit entsteht in den Augen des Betrachters.
Die Kunst der kurdischen Künstlerin Malike Kara entbehrt der Fassbarkeit, entwickelt sich jenseits von vorhersehbar festen Strukturen, setzt das Volatile, das Poetische so eindeutig als Stilmittel ein, dass der Inhalt umso nachdrücklichere Spuren setzt. Sie spürt ihren kurdischen Wurzeln nach, und das Private wird hier zum Politischen. Sie erschafft eine Begegnung mit der kurdischen Kultur in all ihren Facetten, es geht um Vertreibung, um Flucht, um den beharrlichen Kampf der Selbstbehauptung, um das Festhalten, obwohl und weil es doch so flüchtig ist.
Die Künstlerin hat Fotos aus ihrer Heimat gesammelt, eine Heimat, die über vier Länder mit mehr oder minder diktatorischen Machtstrukturen verstreut liegt, im Iran und Irak, in Syrien und der Türkei. In jedem dieser Länder ist die Geschichte der Kurden eine Geschichte der Vertreibung, des Anpassens, der Unterdrückung, des Überlebens. Seit 2014 sammelt Kara, Enkelin von im Jahr 1970 nach Deutschland eingewanderten kurdischen Alevit*innen, für dieses Archiv.
Die Fotos sind teilweise 40 Jahre alt, aber auch aktuell. Und wie zart setzt Malike Kara das in Szene: die Fotos, auf denen manchmal nur Fragmente zu sehen sind, komponiert sie zu fragilen Tapeten, die die Innen- und Außenwände der Rotunde schmücken, sie hat sie noch einmal digital zusammengefasst und verfremdet. Nicht oft ist etwas wirklich zu erkennen, ein Fabeltier, ein Wandgemälde, das Schmuckband einer Tracht, Mahlzeiten, ein Hochzeitsfest, Zusammenkünfte von Frauen, Landschaftsaufnahmen, Teppichmuster, Aufnahmen aus Zeltlagern, herausgerissene Seiten von privaten Telefonbüchern – die Nummer ihrer Tante ist darunter – und über diese ganze Privatheit und Intimität legt sie das Nicht-Sichtbare, das Rätselhafte, das Sich-im-Auflösen Befindende. Es ist ihr Privatarchiv, das sie zum Zeitarchiv macht. Halt geben Bordüren aus Gips, wie Scharniere über die Fläche gelegt. Sie sind Zierrat, aber sie verbinden auch. Schicht um Schicht hat sie da übereinandergelegt, mit Seide, mit Latex gearbeitet.
Es fällt kein einziges lautes politisches Statement, aber darum geht es auch nicht. Die ganze Ausstellung kann man so verstehen. Malike Kara findet in dem Verweben von Geschichten, wie sie in der kurdischen Teppichkunst zu finden ist, ihre Ausdrucksform. Die abstrakten Gemälde, die dem Fries angelehnt sind, in Ölstift und Acryl ausgeführt, rosa, pink, weiß auf silber schimmerndem Grund, symbolisieren die Fäden, die stets neu geordnet, stets neu mit Inhalt gefüllt werden müssen, erzählen auch von dem jeweiligen Anpassen an neue Orte. Und sie tragen die Typenbezeichnungen der kurdischen Teppichkunst.
Die frei zugängliche Rotunde der Schirn hat sie so in ein erzählendes Denkmal verwandelt.

Susanne Asal
Foto: Porträt der Künstlerin Melike Kara in ihrer Installation
© Schirn Kunsthalle Frankfurt 2024, Foto: Mareike Tocha
Bis 12. Mai
www.schirn.de

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