No Place on Earth – Architektur des Überlebens: Die neue Wechselausstellung im Jüdischen Museum

An Gefühle zu appellieren ist dem Jüdischen Museum nicht fremd; es stellte sie in der Vergangenheit assoziativ auch in den Mittelpunkt seiner Wechselausstellungen, Mut und Rache zum Beispiel. Diesmal geht es einen anderen Weg. Es begleitet ein Forschungsprojekt der polnischen Multimediakünstlerin, Architektin und Historikerin Natalia Romik.
50.000 Jüd*innen konnten sich während des Nazi Regimes in Polen versteckt halten. 80.000 überlebten die Konzentrationslager, 170.000 bis 180.000 sind in die Sowjetunion geflohen, etwa 250.000 bis 350.000 überlebten das Ende des Krieges. Das sind etwa zehn Prozent der jüdischen polnischen Bevölkerung von 1939. So die Schätzungen, so eine vorläufige Statistik.
Über Jahre hinweg hat sich Natalia Romik der Aufgabe gestellt, Orte auf polnischem und ukrainischem Terrain ausfindig zu machen, an denen sich Jüd*innen während des Nationalsozialismus versteckt halten konnten, tage- wochen-, ja monatelang. Dabei waren diese Verstecke ja flüchtig, nie für ein längeres Bleiben ausgerichtet, eigentlich befanden sich die Flüchtenden auch seelisch permanent auf der Flucht.
Natalia Romik hat neben aller akribischen Forschungsarbeit eine ganz besondere Idee gehabt, wie sie diese Orte auch künstlerisch fassen würde. Sie hat an den aufgefundenen Orten Silikonabdrücke gefertigt und sie später zur Hälfte mit Silberpapier überzogen. In der ansonsten recht dunkel gehaltenen, ersten Hälfte des Ausstellungs-Saals bringen Punktstrahler die Vorderseiten der Skulpturen zum kostbaren, schönen Aufglühen.
Denn die Orte, sie waren es wahrhaftig nicht. In manchen konnte man nicht aufrecht stehen, in anderen konnte man sich nicht setzen. Luft für 18 Menschen kam durch eine kleine Wandöffnung: Der einzig mögliche Blick aus einer Mauerluke fiel auf ein paar gelbe Nelken. Man verbrachte Monate in der Kanalisation, in einem Schrank oder in einem Grab. Natürlich ohne Tageslicht. Viele Menschen, die diese Tortur überleben konnten, sagten anschließend, dass sie stets nur an den nächsten Tag, an die kommende Woche gedacht hatten. Hätten sie gewusst, wie lange sie tatsächlich gezwungen waren, sich zu verstecken, sie hätten es nicht überlebt. Sie taten es in Höhlen, in ausgehöhlten Baumstämmen, unter der Erde. Manche konnten sich retten, für andere wurden die Verstecke zu Todesfallen. Auf Wasser- und Nahrungssuche ging man nur nachts, und doch auch fanden sich immer wieder Menschen, die halfen.
Am bekanntesten ist das Versteck zweier Brüder in der Josefseiche, einem im Innern hohlen Baumstamm, den sie mit Klammern und Streben ausstatteten, um sich darin aufhalten zum können. Natalia Romik ist wie bei vielen weiteren Fundorten Gerüchten gefolgt, Erzählungen, Vermutungen, konnte teilweise noch Zeugen befragen, konnte aufgrund ihrer vielfältigen Recherchen auch Verwandte aufspüren. Hier fand sie die Töchter der beiden Überlebenden. Die Josefseiche ist auch Thema einer 3D-Videoprojektion, die in der ersten Hälfte des Doppelraums zu sehen ist.
Der zweite Raum versammelt in entsprechend nummerierten Vitrinen alle Dokumente zu den jeweiligen Fundorten, die das Team um Natalia Romik bereits aufspüren konnte. Es sind Briefe, Lagepläne, Skizzen, Fotografien – auch aktuelle – dazu kleine Videos, in denen die Geschichte des Aufspürens der Verstecke erzählt wird, Interviews. In einem berichtet Natalia Romik über ihre Methodik.
Nicht alle Verstecke sind schon ausreichend erforscht, andere wiederum ausführlich in Tagebüchern dokumentiert. Die Geschichte von der Flucht einiger Lwiwer Ghettobewohner in die Kanalisation beispielsweise erzählt die berühmte polnische Regisseurin Agnieszka Holland 2011 in ihrem Spielfilm »The Darkness«. »No place on earth« heißt der Dokumentarfilm von Janet Tobis aus dem Jahr 2012, der das Versteck in den ukrainischen Ozerna- und Vertreba-Höhlen porträtiert, in denen 38 Jüd*innen Zuflucht fanden. Ebenso wie in dem Keller des Wohnhauses der Familie Mehlman gestalteten die Familien den verfügbaren Platz in einer ausgeklügelten Innenarchitektur.
Am wenigsten weiß man (noch) über das Schicksal eines in einem Abstellschuppen aufgefundenen Schrankes, der eigentlich zu Brennholz zersägt werden sollte, als man auf kleine Zeichnungen und Inschriften im Innern des Schranks stieß. Untersuchungen ergaben, dass es sich bei dem Maler um einen etwa zwölfjährigen Jungen gehandelt haben muss, der in diesem Versteck (über?-) gelebt hatte.
Als Hommage an die Kreativität der Menschen, die diese Verstecke in höchster Not, in höchster Eile erbaut haben, ist diese Ausstellung konzipiert. Die unglaublichen Leistungen der Künstlerin und ihrem Team sind dabei gar nicht hoch genug zu bewerten.

Susanne Asal / Foto: Die Josefseiche in Wisniowa (Polen), Foto: Natalia Romik, 2021
Bis 1. September: Di., Mi., Fr., Sa., So., 10–17 Uhr; Do., 10–20 Uhr
www.juedischesmuseum.de

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